Massentiermord zur EM, oder: Was ist ein Shitstorm?

Nachdem ich bereits hier über den Massentiermord zur EM, die von der Ukraine durchgeführten “Säuberungen” ihrer Städte von streunenden Tieren berichtet hatte, hat sich inzwischen die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet, und die virtuelle Bevölkerung des Social Web steht mit gar nicht nur virtuellen Fackeln und Mistgabeln vor den Toren der Sponsoren der EM.

Die Lage der Nation

Zahlreiche Seiten zum Thema EM 2012 und vor allem die Facebook Pages der Sponsoren, wie Adidas, McDonald’s oder Continental, werden seit Tagen mit Kritik, Boykotterklärungen und der Forderung nach Rücktritt als EM-Sponsor überflutet. Die Zeit, die verstrich, bis die Unternehmen auf diese Kritik reagierten, war viel zu lang, bei Adidas waren es für das Social Web katastrophale 30 Stunden. Zudem hörte man immer wieder von gelöschten Posts, die Kritik enthielten.

Nun verkündete die Uefa am gestrigen Tag, die Ukraine habe die Tötungen der Streuner verboten, und die Uefa freue sich nun mehr auf die erfolgreiche Umsetzung. Die Sponsoren nahmen diese Information auf ihren Facebook Pages auf, doch die PR-mäßig verfassten Stellungnahmen schienen den Konsumentenzorn nur noch weiter anzufachen:

 

“Liebe Sponsoren der Fußball-EM, wen interessiert schon ein Straßenköter in der Ukraine? Mich, liebe Sponsoren. Wisst ihr, wer ich bin? Ich bin euer Kunde”

“(…)uns liegen detailierte Schilderungen aus der Ukraine vor, nach denen die Massentötungen an Strassenhunden und –katzen unvermindert weitergehen – trotz des angeblichen Verbots der ukrainischen Regierung, deren Glaubwürdigkeit ja nicht nur in diesem speziellen Fall in Frage zu stellen ist.”

“Als Hauptsponsor dieser Fussball-EM finanzieren SIE diese unglaublichen Grausamkeiten, (…)  Schon jetzt hat das Image Ihres Unternehmens extremen Schaden genommen (…).”
“Ich fordere Sie hiermit auf, Ihr komplettes finanzielles Engagement zu beenden, sich als Sponsor dieser EM zurückzuziehen und alle entsprechenden Verträge mit der UEFA aufzukündigen.”
“So ein Image-Schaden lässt sich über sehr lange Zeit nicht mehr rückgängig machen und auch Ihre Umsatzeinbußen werden erkennbar sein. Also handeln Sie endlich!” (von der Adidas-Page)

 

“Ich glaube kein Wort solange keine eindeutigen Beweiße vorliegen!!!”
“Ich hoffe ihr wisst, dass DIESES NICHTSTUN euren Ruf zerstört hat. Ihr könnt nicht einfach etwas “Nettes” schreiben und davon ausgehen, dass euch alle glauben und alles vergessen ist!”

“Aktiv werden, euch einsetzten! Nicht beobachten und in Kontakt sein! Und solange Ihr euch hinter Schreibtischen und leeren Statements versteckt, sagen WIR: WIR glauben euch nicht! WIR verachten euch dafür!” (von der McDonald’s-Page)

 

Was war passiert?

Der Kapitalismus und große Konzerne stehen derzeit am Pranger. Ein Großteil von Volkes Seele verknüpft sie mit gewissenloser Geldgier und schierem Egoismus. In dieses Minenfeld geworfen verursachte nun die Nachricht, die Ukraine säubere mit endgültigen Lösungen seine Städte von Streunern, und weder die Sponsoren noch die Uefa unternahmen etwas dagegen, die gewaltige Explosion, die nun beobachtet werden kann. Dazu schadet es auch nicht, zu wissen, dass in etwa einem Drittel aller deutschen Haushalte Heimtiere gehalten werden. Die emotionale Komponente der Tierliebe fungierte als Brandbeschleuniger.

Geld verdienen mit dem Tod unschuldiger Tiere – dieser Querschluss mag direkt nicht zutreffen und auch nicht ganz fair sein, doch der zumindest indirekte Zusammenhang, dass speziell die Geldgeber eine Machtposition besitzen, um dererlei Grausamkeit zu unterbinden, wurde den Konsumenten schnell bewußt. Die Konzerne schienen mit dem nun losbrechenden Sturm der Empörung nicht gerechnet zu haben, wodurch lange Reaktionszeiten und (vermutliche) Löschungen kritischer Beiträge nur mehr Öl ins Feuer gossen.

 

Was ist ein Shitstorm?

Sehr gut und unterhaltsam erläutert hat dies die deutsche Blogger-Ikone Sascha Lobo in folgendem Videomitschnitt der re:publica 2010: Sascha Lobo: How to survive a shitstorm

Meine Ganz-Kurz-Fassung: als Shitstorm bezeichnet man eine geballte, zeitlich konzentrierte öffentliche Kritik an einem Unternehmen, einem Produkt oder einer öffentlichen Person, die zumeist über soziale Netzwerke kommuniziert wird und sich dort viral verstärkt. In der Regel entzündet sich der Shitstorm durch eine mehr oder minder gerechtfertigte Kritik, löst sich dann jedoch häufig von der faktischen und objektiven Ebene und kann sehr unsachlich, aggressiv und auch beleidigend werden.

Häufig flaut ein Shitstorm ebenso schnell ab wie er aufkam, was jedoch nicht bedeutet, dass keine Folgeschäden für das Image des Betroffenen entstehen können. Hierbei hängt vieles auch von dessen Verhalten während des Shitstorms ab: das Social Web verlangt nach Dialog, und wird dieser verweigert, sobald es einmal “ungemütlich” wird, kann dies nur zur Unzufriedenheit der Öffentlichkeit beitragen.

 

Wie geht es weiter?

Auch wenn die Onlineausgabe des Handelblattes der Meinung ist, man warte, wie bei einem richtigen Sturm, am besten ab, bis der Shitstorm vorbei sei, hat dieses Verhalten den Sponsoren der EM keineswegs geholfen. Im Gegenteil wurde das Unternehmen, welches als erstes auf die sozialen Proteste reagierte, nahezu lobend erwähnt, während die Ignoranz der übrigen Konzerne angeprangert wurde.

Ich gehe davon aus, dass sich die Empörung wieder legen wird, und dass vielleicht auch noch nicht mal wirklich etwas geändert wird. Aber andererseits: vor ein paar Jahren wäre ich auch davon ausgegangen, Libyen würde niemals Gaddafi stürzen.

Wirtschaft und Konzerne geraten zunehmend unter Beschuss, und u.a. durch die Wirkungen des Social Web werden sich Konsumenten zunehmend ihrer Macht bewusst. In welchem Ausmaß beispielsweise ein Boykott wirklich umgesetzt werden wird, bleibt selbstverständlich abzuwarten, dennoch denke ich nicht, dass die Wirtschaft die Stimme der Konsumenten in Zeiten, in denen eine schlechte Erfahrung oder Kritik per Mausklick Millionen Menschen erreichen kann, komplett ignorieren kann.

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In diesem konkreten Fall ist zu erkennen, dass die späte Reaktion sowie die Zweifel an den darauf folgenden Beteuerungen der Unternehmen vermutlich dazu geführt bzw. dazu beigetragen haben, dass sich die empörte Menge jetzt nur noch ausnehmend schwer davon überzeugen lassen wird, dass die Sponsoren wirklich etwas gegen das massenhafte Töten in der Ukraine unternehmen.

Ich verfolge Proteste und Debatten weiterhin mit großem Interesse und bin gespannt auf den Ausgang  – sofern es zu einem solchen kommt.

 

Quellen:

https://berndgillich.wordpress.com/

https://www.facebook.com/adidas?sk=wall&filter=1

https://www.facebook.com/mcd?sk=wall&filter=1

http://de.uefa.com/uefa/aboutuefa/news/newsid=1719010.html

http://www.ivh-online.de/de/home/der-verband/daten-fakten.html

http://socialmediaabc.de/index.php5?title=Shitstorm

 

 

Stefanie Norden

Stefanie Norden ist Teil des Teams von B2N Social Media Services. Unser Team unterstützt kleine Unternehmen beim erfolgreichen Start ins Social Web. Unter "Leistungen" erfahren Sie, wie wir auch Ihnen helfen können, sich effizient mittels Social Media zu präsentieren.

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