Etwas Zeit ist seit der Verkündung, der Geflügelmastbetrieb Wiesenhof würde zukünftig die Trikots von Werder Bremen zieren, vergangen, der ich mich bereits hier widmete. Viele Fußballfans scheinen sich letztendlich ihrem Hobby wieder zugewandt zu haben, die gekündigten Mitgliedschaften werden auf etwa 300 beziffert. Die sogar durchs Fernsehen gegangene Facebook Page “Wiesenhof als Werder-Sponsor? NEIN danke!” erreichte mehr als 22.000 Likes, wurde dann jedoch vom Admin für 60 € bei eBay verkauft und anschließend zweckentfremdet – trotz anschließendem erneuten Wechsel des Admins und Rückkehr zum Thema scheint sich die Seite von ihrer höchsteigenen Glaubwürdigkeitskrise nicht zu erholen.

Glaubte man das Thema also so langsam erledigt, bekam die Protestbewegung contra Wiesenhof prominenten Zuspruch: es wurde bekannt, dass nicht nur der TV-Koch Rainer Sass, sondern auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen Jürgen Trittin ihr jeweiliges Engagement im CSR-Bereich von Werder Bremen aufgrund des Wiesenhof-Sponsoring beendeten.

Werder bewegt – lebenslang

So der Name der eigens kreierten CSR-Marke Werders – die dazugehörige Website betont gesellschaftliche Verantwortung und beleuchtet Werders Engagement für soziale und Umweltbelange. Bislang mochte die Marke gut zum Ruf, den Werder Bremen zumindest im Bremer Raum genoss, passen: solide, verantwortungsvoll und an der Entwicklung der Region interessiert. Wenig verwunderlich daher, dass Wiesenhof hoffte, dieser Ruf würde durch das Sponsoring auf sie abfärben.

Wiesenhof quält – lebenslang

Dem schlechten Ruf Wiesenhofs und dem Protest der Fans trotzend hatte Werder also das Sponsoring durch Wiesenhof akzeptiert, und Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs hatte auf dem “Tag der Fans” gegen zahlreiche Pfiffe verkündet, man habe sich die Zustände bei Wiesenhof persönlich angesehen und die Fans seien “auf dem Holzweg” (Impressionen können hier angesehen werden).

Das hauseigene Video, das Allofs und Gesellen bei eben jenem Besuch zeigt, ließ nicht lange auf sich warten:

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Wer “Das System Wiesenhof” gesehen hat, wird kaum umhin kommen, nicht allzu viel Ähnlichkeit zwischen den begutachteten Betrieben zu bemerken. Und auch die Nennung von “artgerechter Massentierhaltung” verwundert.

Auf der inzwischen eingerichteten Gemeinschaftswebsite lassen sich weitere Bilder des Besuchs bestaunen.

Greenwashing per grün-weiß

Nun hat also Werder Bremen höchstpersönlich die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass bei Wiesenhof keine Tiere gequält werden. Seitens Wiesenhof ist das ein cleverer Schachzug: da Werders eigener Ruf auf dem Spiel steht, ist großes Interesse vorhanden, zu belegen, dass Wiesenhof in der Tat das nachhaltige und tierschützende Unternehmen ist, als dass sowohl Werder als auch Wiesenhof selbst sich darstellen wollen. Gleichzeitig profitiert Wiesenhof vom guten Ruf Werders, die selbst so emsig im Bereich Nachhaltigkeit und CSR aktiv sind.

Zugleich bedauert “Werder bewegt”-Geschäftsführer Fischer den Rückzug Jürgen Trittins, da so ja die Chance vertan wurde, Nutztierhaltung auf einer größeren Bühne gesellschaftlich zu diskutieren. Zudem könnten ja nun die vielen Wohltätigkeiten Werder Bremens nicht mehr durch den Namen Jürgen Trittin vorangebracht werden. Werder Bremen, das Gutmenschen-Unschuldslamm und Jürgen Trittin, der rücksichtslose Egoist und Diskussionsverhinderer?

Der grüne Anstrich des Greenwashing ist in diesem Fall sogar grün-weiss.

 

Fazit

Bremen ist Hauptstadt des fairen Handels 2012. Werder Bremen war immer ein bedeutender Anteil an Bremens Ruf in der Welt. Werder Bremen hat viel darin investiert, seinen ohnehin schon guten Ruf zu nutzen und zu fördern und damit Gutes zu tun.

Doch gleichzeitig vom einem Betrieb wie Wiesenhof finanziert zu werden, macht eine glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation meiner Meinung nach auf viele Jahre hin unmöglich. Eine wirkliche Änderung im System Wiesenhof bedarf mehr als ein pressewirksamer Besuch von Werder im Vorzeigestall, und es fällt schwer, zu glauben, dass die Werder-Spitze wirklich nach dem sicher lange geplanten Besuch von zwei Mastbetrieben (von über 800) der festen Überzeugung ist, die Zustände aus der oben genannten ARD-Reportage würden nicht mehr existieren. Auch die Ankündigung, Wiesenhof würde ab dem 01.09. in “Oldenburger Geflügelspezialitäten” umfirmieren, weckt alle möglichen Schlussfolgerungen, aber sicherlich kein Vertrauen.

Der Makel des Geldes, finanziert durch Tierquälerei und Massentierhaltung, wird bei vielen jedes Mal erneut in Erinnerung gerufen, fällt ein Blick auf ein Werdertrikot. Und genau diese Widersprüchlichkeit, diese Unglaubwürdigkeit und, wie viel es empfinden, Heuchelei, vermehrt den Zweifel an Nachhaltigkeit generell: es ist ein Modewort, ein Verkaufsargument. In einer Zeit, in der Greenwashing alltäglich wird, wer glaubt da noch der Beteuerung von Nachhaltigkeit?

Jene Institutionen, denen Nachhaltigkeit wirklich wichtig ist, werden, so befürchte ich, die Auswirkungen des Handelns von Allofs und co. schmerzlich zu spüren bekommen. Und wieder macht die nachhaltige Entwicklung einen Schritt zurück.

 

UPDATE: Im Februar 2014 wurde die Zusammenarbeit zwischen Werder Bremen und Wiesenhof um weitere zwei Jahre verlängert:

Bremen4U: Werder verlängert mit Wiesenhof

Quellen:

Radio Bremen: Prominente Unterstützer wenden sich ab

FAZ Community: Werder, Wiesenhof und der Ruf eines Vereins

Bürgerinitiativen gegen Massentierhaltung

NDR.de: Trittin will nicht mehr für Werder werben

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